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Frühling in Kalabrien

Als wir uns am 24. Mai 2019 in Richtung Süden fuhren regnete es gerade. Der Abschied von zu Hause fiel uns gar nicht schwer. Fast drei Wochen Italien lagen vor uns. Wie bei fast jeder Reise, wollten wir auch diese mit dem Besuch des einen oder anderen Schildkrötenhabitats verbinden. Kalabrien ist mir keineswegs unbekannt, sehr oft verbrachten wir, als unsere Kinder noch kleiner waren, unsere Familienurlaube im Süden Italiens. Schulbedingt mussten wir zu der Zeit die Sommermonate nutzen und so war damals die Chance Schildkröten in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten sehr gering.

Auch diesmal hatte ich nicht allzu viel Hoffnung diese besonders kleine Lokalform der Testudo hermanni hermanni vor die Linse zu bekommen. Einerseits ist die kalabrische Population bereits stark reduziert und dann leben die Tiere auch noch sehr versteckt.

Bevor wir uns auf die Reise machten, bekamen ich die Chance mit einem Biologen der Universität Cosenza Kontakt auf zu nehmen. Francesco L. hatte sich bei seiner Diplomarbeit intensiv mit der kalabrischen Lokalform der Griechischen Landschildkröte auseinander gesetzt und arbeitet derzeit bei einem wissenschaftlichen Projekt in diesem Bereich mit.

Bei der Ankunft in unserem Apartment bei Pizzo, oberhalb der wunderschönen Stadt Tropea war das Wetter leider gar nicht so, wie ich es mir erhofft habe. So weit im Süden erwartete ich mir etwas mehr Wärme und vor allem mehr Sonne.

Zwar konnten wir unser Abendessen und den herrlichen kalabrischen Wein auf der Terrasse unseres Apartment genießen, jedoch nicht ohne warmer Kleidung und zusätzlicher Wolldecke.


Trotzdem – nach dem wir uns bereits im Vorfeld über Fundorte informieren konnten, ging es bereits am nächsten Tag los. Wir fuhren etwas über 100 km um in das erste Gebiet zu gelangen, von dem wir wussten, dass dort noch Testudo hermanni hermanni leben. Leider regnete es und je näher wir dem Habitat kamen desto kälter wurde es. Um 9:30h hatten wir eine Außentemperatur von nur 6°C, die Bodentemperatur lag sogar bei 3°C und das im Mai und 1700 km südlich meiner österreichischen Heimat, mitten in einem Verbreitungsgebiet der Griechischen Landschildkröte (thh)



Ich wollte es nicht glauben und obwohl der Regen nach einiger Zeit nachließ und es etwas wärmer wurde, fanden wir an diesem Tag keine Spur einer Schildkröte. Nicht einmal die Überreste eines Panzers – einfach nichts!




Leider blieb das Wetter auch in den nächsten Tagen eher kühl. Insgesamt hatten wir in der Zeit unseres Italienaufenthalt neun mehr oder weniger kühle Tage. Auch die Tage davor waren, wie man uns sagte, nicht so, wie ich es mir von Süditalien erwartet hätte. „Der Mai ist aber nicht immer so kalt“ versuchte uns unser Vermieter zu trösten, „morgen wird es sicher wärmer“ Die Pflanzenwelt war beeindruckend. Saftig grüne Wiesen, überall gelb blühender Ginster. Und auch der Oleander und die Opuntien begannen schon, wenn auch noch zaghaft, zu blühen. Mit Freude stellte ich fest, dass die Pflanzen in meinem Gewächshaus zu dieser Zeit genau so weit sind. Überhaupt herrschte ein sehr ähnliches Klima wie ich es aus meinem Gewächshaus kenne. Wenn es draußen kalt ist, dann ist es zwar auch in meinem Gewächshaus kühl, aber bei weitem nicht so wie im Freien. Scheint jedoch einmal, auch nur kurz die Sonne - was in meiner Heimat zum Glück sehr oft der Fall ist – so wärmt sich der Innenraum sehr schnell auf. Ohne ordentlich zu lüften wird es in meinem Gewächshaus schnell unangenehm heiß.

Nun aber zurück nach Kalabrien! Auch beim Streifzug durch ein anderes Gebiet (näher am Meer) fanden wir keine einzige Spur einer Schildkröte.

Naja, vielleicht doch eine. Ob das Schildkrötenkot sein kann?



Die Gebiete auf der anderen Seite, nahe der Stadt Crotone, sehen ganz anders aus. Hier ist es etwas steiniger, die Vegetation karger, kaum Ginster, dafür jede Menge riesige Buschen vom Thymian. Die ganze Gegend duftet genauso, wie man es von einem klassischen Schildkrötenhabitat erwartet.


Am Morgen – üblicher Weise beginnen wir um 7:30Uhr mit der Suche – mussten wir uns noch warm anziehen. Im Laufe des Vormittags wurde ein Pullover jedoch überflüssig und wir konnten mit Jeans, ordentlichen Wanderschuhen und einem T- Shirt durch das Gelände streifen. Schildkröten liefen uns jedoch keine über den Weg – nicht einmal ein geplündertes Gelege, Fraßspuren, leere Panzer oder eine Spur von Ausscheidungen konnten wir finden. Das sollte sich auch in den nächsten Tagen nicht ändern. Das phantastische italienische Essen und der herrliche kalabrische Wein trösteten uns. Abgesehen davon ist Italien wirklich eine Reise wert, auch wenn die Straßenverhältnisse oft abenteuerlich ist und die Müllbeseitigung … naja…..


Im Vergleich zu unseren früheren Italien-reisen hatte mich der deutliche Rückgang des Tourismus sehr erstaunt. Überall findet man fast Geisterstadtähnliche Ferienanlagen, die völlig überwuchert und zerfallen die Landschaft verschandeln.

Am Samstag trafen wir uns, wie vereinbart mit dem Wissenschaftler und Biologen Francesco L. der Universität von Cosenza. Wir vereinbarten einen Ort, etwa 100 km von unserem Quartier entfernt. Kurz bevor wir ankamen regnete es heftig und es war alles andere als schildkrötengerecht warm. Trotzdem fuhren wir etwa 20 Minuten in ein Habitat in dem er regelmäßig Testudo hermanni hermanni gefunden hat. Bald ließ auch der Regen nach und die Sonne brach mit voller Kraft durch.




Das Gebiet war sehr waldig mit relativ dichtem Unterbewuchs. Vor allem wuchsen hier Pinien. Zwischendurch gab es einige stark verwilderte Wiesen mit fast mannshohem Gras mit vielen Futterpflanzen, die auch in meiner Heimat zu finden sind.



Die Nächte verbringen die Tiere hauptsächlichst im dichten Buschwerk des Waldes. Erst mit der Morgensonne wandern sie, nach einem ausgiebigem Sonnenbad in die Wiese, wo sie im dichten Pflanzenfilz kaum noch zu finden sind. Die beste Zeit um Tiere beobachten zu können ist die Zeit in der sie sich sonnen. Das geschieht zu dieser Jahreszeit um etwa 8 Uhr morgens

Lange durchstreiften wir ergebnislos durch die Gegend. Endlich – fast wäre ich auf das Tier gestiegen – ein wunderschönes Weibchen, im Wald beim Sonnenbad.



Was für eine Freude! Francesco vermaß das Tier, notierte alle möglichen Daten und nahm eine DNA Probe für seine Arbeit.


Nach einem wunderbaren italienischen Mittagessen – kochen können die Italiener wirklich! – führte uns Francesco in ein weiteres Gebiet, in welchen wir bereits zuvor erfolglos nach Schildkröten suchten. Die Sonne schien mit voller Kraft und da liegt auch eine sonnenhungrige Schildkröte lieber versteckt im Schatten, tief im Inneren des dichten Hag. Trotzdem – auch ohne Schildkrötensichtung – ist es wunderbar das natürliche Verbreitungsgebiet der kalabrischen Testudo hermanni hermanni mit allen Sinnen aufzunehmen.

In der darauf folgenden Woche durften wir uns noch über wenige weitere Sichtungen freuen. Nun kann ich verstehen was Francesco meinte, als er sagte: „ eine Testudo hermanni in Kalabrien zu finden ist weitaus schwieriger als 20 auf Sardinien zu sehen“




Was ich auf dieser Reise für mich gelernt habe: Die in Kalabrien bereits selten anzutreffenden Testudo hermanni hermanni lebt extrem zurückgezogen und ist dadurch nur sehr schwer zu finden. Nahrung finden sie im Frühling extrem viel. Das Klima - damit meine ich nicht nur die Zeit die ich selbst dort verbracht habe, sondern beziehe mich vor allem auf das, was mir Einheimische berichtet haben – ist im Frühling keineswegs durchgehend warm, wenn die Sonne jedoch scheint, dann fühlt es sich an, als würde sie durch die Verglasung meines Gewächshauses brennen. Wie mir erzählt wurde (und ich es in der Vergangenheit auch schon oft selbst erlebt habe), wird es in den Sommermonaten derart heiß, dass die Tiere nur eine extrem eingeschränkte Aktivität in den zeitigen Morgenstunden haben. Die Winterruhe dauert im Durchschnitt von November bis März und wird in höheren Lagen, im Gegensatz zu den Tieren, die näher dem Meer leben nicht unterbrochen. Die durchschnittlichen Wintertemperaturen liegen um den Gefrierpunkt, in höheren Lagen gab es sogar Winter in denen es über mehr als eine Woche lang - 10 °C hatte. Diese Temperatur war für die Tiere trotzdem unproblematisch. Wesentlich schwieriger ist es für sie, wenn es im Frühling über längere Zeit nicht warm wird. Damit meinte Francesco nicht die extremen Temperaturschwankungen die wir während unserem Aufenthalt erlebten, schließlich gab es zwischendurch auch mal Sonne, sodass sich die Tiere auf ihre notwendige Temperatur bringen konnten.

Das größte Problem für die in Kalabrien lebenden Schildkröten ist die Landwirtschaft, hauptsächlich der Olivenanbau, der den Tieren kontinuierlich den Lebensraum durchschneidet und schließlich ganz raubt. Die Landwirtschaftlichen Geräte haben mehr Tiere am Gewissen als die „Absammler“ welche leider immer noch mit abgerichteten Hunden die Tiere aufspüren und über die Grenze schmuggeln. Die Polizei ist aufmerksam und Schmuggel ist nicht mehr ganz so leicht möglich wie in früheren Zeiten – Gott sei Dank!

Mein persönliches Fazit: Für eine artspezifische Haltung der Kalabrischen Landschildkröte ist ein gutes Frühbeet ein absolutes MUSS, ein geräumiges Gewächshaus jedoch wesentlich besser, da sich die Tiere relativ lange (ab März) in diesem künstlich nachgebildeten Lebensraum aufhalten. Lampen, die zusätzliche Wärme geben sind bei längerem nicht Scheinen der Sonne notwendig, vor allem dann, wenn man in einer Sonne vernachlässigten Gegend lebt. Das Gewächshaus sollte an einem sonnigen Platz im Garten stehen. Kann man einen solchen den Tieren nicht bieten, dann sollte man sich überlegen ob Schildkrötenhaltung überhaupt Sinn macht.

Der Bewuchs sollte/muss dicht und fast undurchdringlich sein. Schotter um den Boden trockener zu halten ist empfehlenswert, die Tiere selbst laufen jedoch nicht gerne auf Schotter, sondern viel lieber auf magerer Erde (Erde mit Sand gemischt) versteckt im dichten Bewuchs hoher Gräser und dichter Büsche. Möchte man den Tieren ein wirklich artgerechtes Gehege bieten, dann sollte dieses möglichst so gestaltet sein, dass man die Tiere nicht leicht findet. Das gilt selbstverständlich nicht nur für das Freigehege sondern ganz besonders auch für den Teil, des Frühbeets, bzw. des Gewächshaus.


Als wir wieder zu Hause ankamen, war unser Gehege derart verwildert und überwuchert, dass ich fast hätte meinen können immer noch in Kalabrien zu sein. Selbst die Temperaturen passten. Die letzte Woche unserer Reise war wesentlich sonniger und wir konnten sogar im Meer schwimmen. Im Gegensatz zu Kalabrien war die trockene, stehende Hitze in Österreich unangenehmer und im Gewächshaus unerträglich. Das ist aber nicht immer so und mein Gewächshaus ist zum Glück gut zu lüften.

Ob der Sommer heuer auch wieder so heiß wird?

Oder bringt der österreichische Sommer unseren Schildkröten wieder einmal ein Klima, in dem sie ohne längerer Pause voll aktiv sein müssen?


Zum Schluss möchte ich hier meinem italienischen Freund Francesco für seine Hilfe und Begleitung danken, ganz besonders freue ich mich jedoch, weiterhin mit ihm über das Internet verbunden zu bleiben und so wertvolle Informationen über die kalabrische Landschildkröte zu erhalten. Auch Ralf möchte ich hier danken über den ich diesen wertvollen Kontakt knüpfen konnte.

Ganz bestimmt war das nicht meine letzte Reise in die Heimat der Kalabrischen Landschildkröte.


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